Die Mentalitätsmonster ziehen ins Finale ein

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Nach einem 23:23-Unentschieden gegen den TSV Bayer Dormagen, das an Dramatik nicht zu überbieten war, ziehen die Rhein-Neckar Löwen ins Finale um die Deutsche Meisterschaft der männlichen B-Jugend ein. Endspielgegner ist die SG Flensburg-Handewitt. Zunächst geht es an die Förde, ehe am 11. Juni um 20 Uhr beim Rückspiel in Östringen die Titelvergabe erfolgt.

Es war ein denkwürdiger, nervenzersetzender Thriller, wie ihn nur der Handballsport zu schreiben vermag. Im Halbfinalrückspiel gegen den TSV Bayer Dormagen waren die Junglöwen eigentlich bereits geschlagen. Eigentlich. Denn sieben Minuten vor dem Ende führten die Rheinländer bei eigenem Ballbesitz in der Östringer Stadthalle mit 23:19 und hatten das Geschehen vermeintlich völlig unter Kontrolle. Vermeintlich. Denn was dann geschah, sieht selbst der häufig als „verrückt“ bezeichnete Handballsport nur ganz selten.

Energieleistung der Junglöwen in den Schlussminuten

Nach dem bekannten Motto „Du hast keine Chance – aber nutze sie“, stemmten sich die Junglöwen in den Schlussminuten mit einer unfassbaren Willensleistung gegen das vermeintlich Unvermeidbare, ihr vorzeitiges Ausscheiden im Titelrennen. Dabei standen die Vorzeichen denkbar schlecht, denn in der Crunchtime mussten sowohl Felix Göttler, mit 7/1 Treffern bester Torschütze seines Teams, sowie Spielgestalter Lennart Karrenbauer verletzungsbedingt vom Feld und waren zum Zuschauen verdammt. Für sie kamen Collin Eden und Mark Hartmann auf die Platte, was sich als glückliche Fügung erweisen sollte.

Sechs Minuten vor dem Ende verkürzte Alexander Momber, der zuvor zweimal in aussichtsreicher Position gescheitert war, nach feinem Anspiel von Theo Sommer auf 20:23 und sorgte mit seiner Körpersprache einmal mehr für einen Ruck in seiner Mannschaft. „Jungs, da geht noch was“, war die Devise. Und tatsächlich, mit einem Schlag wischten die Junglöwen die Angst vorm Verlieren beiseite, die zuvor schwer auf ihren Schultern zu lasten schien. Dave Hörnig im Tor, der unglücklich in die Partie gestartet war und über weite Strecken nicht seine gewohnte Dominanz ausstrahlen konnte, war plötzlich ein Faktor und vernagelte hinter der nun bissiger zupackenden Abwehr seinen Kasten. Ganz so, wie es einen Spitzentorhüter auszeichnet: nicht die Bälle, die du am Anfang eines Spiels hältst, sind die entscheidenden, sondern die am Schluss. Und Dave hielt alles!

Auf der Tribüne gab es kein Halten mehr 

Vorne im Angriff wirbelte nun Collin Eden, der mit seiner Schnelligkeit für die müder werdende Bayer-Abwehr kaum zu greifen war. 4:48 Minuten vor dem Ende traf Collin von Linksaußen aus dem Nullwinkel durch die Beine des TSV-Schlussmanns zum 21:23. Die Halle kochte. Siebzig Sekunden später zwang die aufmerksame Löwen-Defensive Dormagen ins Zeitspiel und Gästetrainer Peer Pütz zum Team-Time-out. Der angesagte Spielzug verpuffte jedoch und die Junglöwen kamen wieder in Ballbesitz. Diesmal waren es allerdings die Gelbhemden, die sich an der Abwehr des TSV die Zähne ausbissen. Als der Arm der Schiedsrichter längst oben und der sechste Pass gespielt war, nahm sich Theo Sommer ein Herz und feuerte einen Unterarmwurf zum 22:23-Anschlusstreffer in die Maschen des TSV-Gehäuses (48.). Auf den Rängen gab es zu diesem Zeitpunkt kein Halten mehr und der Lärm des frenetischen Publikums war ohrenbetäubend.

Die Gäste – seit der 41. Minute durch den verletzungsbedingten Ausfall ihres bis dahin überragenden Rückraumakteurs und Toptorschützen Jan Christian Stolzenberg sichtbar geschwächt – spielten geduldig, fanden am Kreis gegen die zupackende Löwen-Abwehr aber kein Durchkommen. Dafür der schnelle Pass auf Rechtsaußen, die völlig freie Wurfchance – doch Dave macht mit einer Monsterparade überragend die kurze Ecke zu und hält sein Team am Leben. Ballbesitz Junglöwen, zweite Welle, Collin fackelt nicht lange, zieht zum Tor, wirft – und trifft 51 Sekunden vor dem Schlusspfiff per Aufsetzer zum 23:23. Die Löwenfans sind aus dem Häuschen, längst hält es keinen mehr auf den Sitzen und jeder weiß, dass der Meisterschaftstraum ausgeträumt ist, wenn Dormagen diesen letzten Angriff ins Ziel bringt. Doch erneut steht das Löwen-Bollwerk, arbeitet zwei Kreisanspiele weg und blockt den letzten Wurf aufs Löwen-Tor. Der Rest ist grenzenloser gelber Jubel, kollektive Ekstase, nach einem atemberaubenden, nicht mehr für möglich gehaltenen Comeback.

Scholtes hebt „Wahnsinnsmoral“ heraus

„Meine Jungs haben in diesem Wettbewerb immer wieder eine Wahnsinnsmoral gezeigt. Wir lagen gegen Melsungen mit vier Toren hinten und kamen zurück. Wir lagen gegen Berlin hinten und kamen zurück. Und jetzt gegen Dormagen, die das heute super gespielt haben und uns das Leben richtig schwer gemacht haben. Ich bin einfach nur stolz auf die Jungs. Wir stehen im Finale. Heute werden wir feiern, zusammen mit unserer A-Jugend, und ab Montag bereiten wir uns auf Flensburg vor“, würdigte Löwen-Coach Tobias Scholtes die Energieleistung seines Teams.

Ein Glückwunsch geht auch an die U17 des TSV Bayer Dormagen, die in zwei umkämpften, packenden Spielen den Junglöwen nicht unterlegen war, und doch aufgrund der Auswärtstorregelung aus dem Wettbewerb ausscheiden muss. Ein ganz bitterer Moment für die talentierten Jungwiesel, die mit ihrer offensiven Abwehr und viel taktischer Finesse im Angriff gegen die Junglöwen zu glänzen wussten und jetzt gewiss mit ihrem mangelnden Matchglück und ihrem Verletzungspech hadern. Kopf hoch, Jungwiesel! Die Junglöwen werden alles dafür tun, dass ihr später einmal sagen könnt: „2022 sind wir in der B-Jugend gegen den Deutschen Meister ausgeschieden, ohne gegen ihn verloren zu haben.“

Für die Junglöwen spielten: Dave Hörnig, Jonas Pleimes (beide TW), Collin Eden (2), Felix Göttler (7/1), Mark Hartmann, Laurin Karrenbauer, Lennart Karrenbauer (4), Cedric Mayer (1), Alexander Momber (3), Mungkorn Nauß, Marc Riffelmacher (1), Theo Sommer (5), Artur Usatiuc.

U17 Rhein-Neckar Löwen gegen TuS Bayer Dormagen (Foto: Tanja Sommer)

Quelle: Kai Henninger – Pressesprecher der Junglöwen